Frieden

Im zarten Alter von Sechzehn gab man mir ein Gewehr, damit ich mich verteidigen konnte. Das war nicht mein Traum. Ich wollte Ingenieur für Wasserwirtschaft werden. Ich war jedoch gezwungen, bei der Waffe Zuflucht zu nehmen. Ich habe jahrzehntelang beim Militär gedient. Unter meiner Verantwortung kamen junge Männer und Frauen, die leben wollten, lieben wollten, stattdessen zu Tode. Sie fielen bei der Verteidigung unserer Leben.

In meiner gegenwärtigen Position habe ich häufig die Gelegenheit, über den Staat Israel zu fliegen, und seit Kurzem auch über andere Teile des Mittleren Ostens. Die Aussicht vom Flugzeug ist atemberaubend; tiefblaue Meere und Seen, dunkelgrüne Felder, sandfarbene Wüsten, steingraue Berge und die ganze Landschaft gespickt mit weißen Häusern und ihren roten Dächern. Und auch Friedhöfe. Gräber so weit das Auge blicken kann. Hunderte Friedhöfe in unserem Teil der Welt, im Mittleren Osten – in unserer Heimat Israel, aber auch in Ägypten, Syrien, Jordanien, Libanon. Vom Fenster des Flugzeugs, aus einer Entfernung von Tausenden von Fuß, sind die zahllosen Gräber still. Aber ihr Aufschrei schallte vom Mittleren Osten überall hin auf die Welt seit Jahrzehnten.

Wie keine zwei Fingerabdrücke identisch sind, so sind auch keine zwei Menschen gleich, und jedes Land hat seine eigenen Gesetze und seine eigene Kultur, Tradition und Führung. Aber es gibt eine universelle Botschaft, die die gesamte Welt umfasst, eine Regel, die unterschiedlichen Regimen gemeinsam sein kann, unterschiedlichen Rassen, die sich nicht ähneln, und Kulturen, die sich fremd sind. Es ist die Botschaft, die das jüdische Volk jahrtausendelang begleitet hat, die Botschaft, die sich im Buch der Bücher findet: ‚ Ve‘nishmartem me‘od l‘nafshoteichem‘ – ‚Deshalb achtet euch‘ – oder in heutiger Sprache: die Botschaft der Heiligkeit des Lebens.

 Yitzhak Rabin ehemaliger israelischer Ministerpräsident

Auszüge aus:

Oslo 12/94 Rede zum Friedensnobelpreis

Tel Aviv 11/95 letzte Rede vor seinem Tod